Vergleichstest '94 ZZ-R gegen '94 ZX-9R
Aus: MOTORRAD, 20 august 1994
Schreckensperrung
-Muessen 150-PS Motorraeder Angst machen?-
Es mag auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz fair Erscheinen, unsere
beiden Testkandidaten mit den Kreaturen Frankensteins in Verbindung zu
bringen. Auf den zweiten Blick haben Kawasakis PS-Monster ZX-9R und ZZ-R 1100
in der ungedrosselten Version mit den legendaeren Horror-Figuren jedoch eine
wichtige Gemeinsamkeit: Sie strotzen nur so vor Kraft, und deswegen werden
sie von Zeitgenossen haeufig kurzerhand als brutal und unbeherrschbar
abgestempelt. Doch die, die sich schrecken lassen, haben sich in den
seltensten Faellen um persoenlichen Kontakt zum Objekt be mueht. Denn auch
Frankensteins Monster hatte viele gute Seiten. Es kommt eben immer auf den
richtingen Umgang an.
Von Haus aus, besser gesagt vom Importeur aus sind die
ZX-9R und die ZZ-R 1100 recht zahme Geschoepfe mit den obligatorischen 100 PS.
Um ihr wahres Potential auszuloten, muessen bei beiden Maschinen je vier
unscheinbare Messingbuchsen in die Vergaserschieber eingesetzt werden. Diese
verschlieben die kleinen Bohrungen, die ein vollstaendiges Offnen der
Unterdruck-gesteuerten Schieber verhindern. Die Eintragung der
Leistungssteigerung beim TUV ist reine Formsache. Wie effektiv dieser kleine
Eingriff ist, zeigt sich zuerst auf dem MOTORRAD-Pruefstand. Vor allem die
ZX-9 ist in allerbster Laune und drueckt erstaunliche 146 PS auf die Rolle.
Das sind immerhin sieben Pferdchen mehr, als die Werksangabe verspricht. Mehr
Spitzenleistung hat die hubraumstaerkere ZZ-R auch nicht zu bieten.
Dafuer
gibt das 1100er Triebwerk erwartungsgemaess bis zum fuenfstelligen
Drehzahlbereich klar den Ton an. Dabei basiert die Konstruktion des
ZZ-R-Antriebs auf den Grundlagen der GPZ 900 aus dem Jahre 1984. Der
gravierendste Unterschied ist die Art der Beatmung. Wurde frueher unter den
Sitzbaenken angesaugt, wobei die Motoren ihre eigene, hitzegeschwaengerte und
damit sauerstoffarme Luft inhalierten, blaest heute ein frischer Wind durch
die Verkleidungsnasen direkt in die geschlossenen Airboxen. Das Ram
Air-System gehoert seit Jahren schon zum Erfolgsrezept aller ZXR und ZZ-R.
So auch bei der neuen ZX-9R. Die gehoert, laess man die neun im Namen einmal
weg, zur sportlich orientierten ZXR-Familie. Ihr Triebwerk fusst auf dem der
750er Modelle, Federelemente, Schwinge und Raeder wurden der Einfachheit
halber ebenfalls direkt vom Superbike uebernommen.
Wer angesichts der enormen Spitzenleistungen der beiden Kawasaki jetzt die
Haende ueber dem Kopf zusammenschlaegt und die Worte Unvernunft und Gefahr
aussprechen moechte, der sollte sich noch etwas gedulden. Denn in der Praxis
erweist sich manches als harmloser, als es in der Theorie erscheint.
Im Alltagsbetrieb zum Beispiel faellt die Wirkung des enthemmenden Eingriffs
an den Vergaserbatterien kaum auf: Bei Drehzahlen bis 7000/min, und die sind
auf der Landstrasse schon mehr als ausreichend, ist subjektiv kein
Unterschied zu einem gedrosselten Modell zu spueren. Der ZZ-R-Motor
ueberzeugt mit seinem satten Drehmoment und zieht selbst aus
Standgasdrehzahien sauber durch. Da muss beim Ueberholen kaum einmal eine
niedrigere Gangstufe gewaehlt werden. Richtig grol werden die Augen dagegen,
wenn zwischen zwei Kurven nicht laessig hochgeschaltet, sondern hart am Gas
gedreht wird. Jetzt reibt es den ZZ-R-Piloten foermlich am Lenker haengend
aufs naechste Eck zu. Um Eriebnisse der schreckhaften Art zu vermeiden,
sollten solche Tests besser auf eine laengere Gerade verlegt werden.
Die ZX-9R macht es bei gemaessigte Tempo ihrem Reiter nicht ganz so einfach.
Wie schon in der gedrosselten Version -in der sie bis 6000/min gerade mal
fuenf PS auf die offene verliert - fuehlt sie sich unterhalb von 5000/min
sichtlich unwohl und wehrt sich mit feinen, aber ermuedenden Vibrationen
gegen diesen Fahrzustand. Gegenueber der ZZ-R fehlt es ihr aufgrund des
geringeren Hubraums an Elastizitaet.
Laesst sich das verschmerzen, kann der ZX-9R-Pilot beim Getriebe ein wahres
Klagelied anstimmen. Die sechs Gangstufen lassen sich nur mit viel Kraft
durchschalten und rasten bei leichtfertiger Betaetigung des Schalthebels oft
nicht richting ein. Selbst beim Runterschalten findet sich der ZX-9R-Fahrer
manchmal ohne Kraftschluss zwischen den Gaengen wieder. Dass die Kupplung am
Testmotorrad eine recht kraeftige Hand verlangt und vor allem im kalten
Zustand nicht sauber trennt, macht die Sache auch nicht unbedingt besser.
Von einem ganz anderen Kaliber zeig sich die ZZ-R-Kupplung. Das Muster an
Dosierbarkeit erlaubt es, den vollgetankt immerhin 273 Kilogramm schweren
PS-Boliden in sensationellen 2,9 Sekunde von null auf 100 km/h zu
katapuitieren. Und das gleich mehrmals hintereinander. Das ist ein neuer
Rekordwert in der MOTORRAD-Messgeschichte.
Und nun sind wir bei der eigentlichen Faszination der "Offenen", dem
ungeheuren Leistungspotential von knapp 150 PS. Natuerlich ist es voellig
egal, ob ein Motorrad in 2,9 oder in 3,5 Sekunden auf 100 km/h beschleunigt.
Es ist einfach nur ein gutes Gefuehl, sich der enormen Reserven seine
Untersatzes sicher zu sein. Egal ob allein oder mit Sozius, wenn es drauf
ankommt dann fliegt die Kuh.
| Messwerte |
| ZX-9R | ZZ-R 1100 |
| Hoechstgeschwindigkeit |
| Solo km/h | 274 | 275 |
| Mit Sozius km/h | 253 | 253 |
| Beschleunigung (mit Sozius) |
| 0-100 km/h sek | 3,2 (4,0) | 2,9 (4,1) |
| 0-160 km/h sek | 6,5 (8,1) | 6,2 (7,9) |
| 0-200 km/h sek | 10,8 (13,8) | 10,0 (12,7) |
| Durchzugsvermoegen im letzten Gang (mit Sozius) |
| 60-140 km/h sek | 11,5 (14,3) | 10,0 (12,5) |
| 60-180 km/h sek | 18,6 (24,1) | 15,6 (19,7) |
| Tachometerabweichung |
| Anzeige/effektiv 50/80/100/130 | 49/76/97/124 | 48/78/94/121 |
| Kraftstoffverbrauch |
| Kraftstoffart | Normal | Normal |
| Minimal Liter/100km | 4,4 | 4,6 |
| Maximal Liter/100km | 8,9 | 9,3 |
| Theoretische Reichweite |
| bei Minimal- und Maximalverbrauch km | 225 bis 455 | 258 bis 522 |
| Oelverbrauch Liter/1000km | nicht messbar | nicht messbar |
Wie grob die Reserven wirklich sind, erfahren die Tester bei einem Ausflug
auf die normalerweise nicht sehr beliebte Autobahn. Von Langeweile kann bei
diesen Maschinen keine Rede mehr sein. Ab 8000 min wird einem der Unterschied
zwischen gedrosselt und offen erst so richting klar. Besonders der ZX-9-Motor
legt jetzt spuerbar zu. Selbst oberhalb der 240 Sachen scheint die
Beschieunigungsorgie kein Ende nehmen zu wollen. Erst wenn der Tacho die
285er Markierung erreicht, ist Schluss. Echte 274 Sachen, da gibt es auf
deutsche Autobahnen nicht mehr viel, was im Rueckspiegel langsam groesser
werden koennte. Ausser vielleicht eine ZZ-R. Die schafft sogar noch einen
Stundenkilometer mehr. Ein Beweis fuer die hervorragende Aerodynamik des
ansonsten eher etwas schwerfaellig wirkenden Tourensportiers. Dass ihr Tacho
dabei satte 300 Sachen anzeigt, verleiht der Sache zusaetzlich an Spannung
und Dramatik.
Angesichts solcher Fahrleistungen werden die Fahrwerke der beiden Kawasaki
auf eine harte Probe gestellt. Mit welcher das ZX-9-Chassis allerdings
keinerlei Probleme hat. Souveraen meistert der straff abgestimmte Sportler
die an ihn gestellten Ansprueche. Spurstabil und ohne die geringste Unruhe
fegt die Ninja auch bei Topspeed ueber die Bahn. Und auf der Landstrasse
erlaubt sie, nachdem die zigfach einstellbaren Federelemente auf Komfort
getrimmt wurden, eine erstauntich bequeme Fortbewegung. Zwar zaehlt sie
trotz steilem Lenkkopfwinkel und geringem Nachlauf nicht zu den handlichsten
Vertretern unter den Sportmotorraedern, aber dafuer entlohnt sie durch ein
neutrales Fahrverhalten, das selbst auf Bremsungen in Schraeglage ohne grobe
Aufstellneigung reagiert.
Nicht ganz so souveraen gibt sich die ZZ-R. Ein leichtes Pendeln ueber 240
Sachen artet bei einem Hinterreifen mit nicht mehr allzu gutem Profil in
bedenkliches Schlingern aus. Auch im weniger schnellen Landstrabenbetrieb
zeigt sich die 1100er nicht von ihrer stabilsten Seite. Vor allem beim
Einlenken mit leicht gezogener Bremse macht sie einen schwammigen Eindruck
und droht staendig ueber das Vorderrad wegzurutschen. Der Versuch, ueber die
Daempfung einen positiven Einfluss auf das etwas indirecte Fahrverhalten zu
nehmen, scheitert an den kaum vorhandenen Einstellmoeglichkeiten. Die
Zugstufe des Zentralfederbeins kann vier-, die der Gabel dreifach verandert
werden. Wer von Stufe eins auf drei dreht, gewinnt zwar etwas an Stabilitaet,
verliert aber deutlich an Komfort.
So vehement die beiden Kraftmeier beschleunigen, so energisch packen auch
die beiden Bremsanlagen zu. Hier hat die ZZ-R allerdings die Nase etwas vorn,
da ihre Vorderradbremse weniger Kraft verlangt und feiner zu dosieren ist.
Die hinteren Bremsen kommen den vorderen Scheiben der ZX-9 und der ZZ-R dabei
recht unauffaellig zu Hilfe: gut dosierbar, ohne die Gefahr des Ueberbremsens
oder Stempelns.
Wer laengere Touren vor sich hat, dem bietet die 1100er neben dem deutlich
besseren Windschutz auch eine breitere, bequemere Sitzflaeche und eine
aufrechtere und entspanntere Fahrerhaltung. Dazu ein informatives Cockpit mit
zwei Tripzaehlern, eine recht genau anzeigende Benzinuhr und nicht zuletzt
einen 24-Liter-Tank. Der Hauptstaender und die praktischen, ausklappbaren
Gepaeckhaken gehoeren ebenfalls zum guten Tourerton.
Solche Dinge scheinen der ZX-9R eher nebensaechlich zu sein, obgleich auch
sie eine Benzinuhr im Cockpit beherbergt. Der Windschutz dagegen ist selbst
bei zusammengefaltetem Fahrer extrem schlecht, die Verwirbelungen hinter der
Scheibe zerren unangenehm am Helm.
Nach je rund 3000 Testkilometern ist der Reiz der blosen Leistung laengst
verflogen. Die den beiden Motorraedern anfaenglich anhaftenden Adjektive wie
"unbeherrschbar" und "brutal" sind mittlerweile durch "gutmuetig" und
"souveraen" ersetzt worden. Vernuenftiger sind die ueber 140 PS starken
Motorraeder dadurch natuerlich nicht geworden. Doch wo beschraenkt sich der
Mensch schon auf das Vernuenftige oder gar nur auf das unbedingt Noetige?
| PUNKTEWERTUNG |
| MAX | ZX-9R | ZZ-R1100 |
| Antrieb |
| Fahrleistungen | Hoechstgeschwindigkeit | 10 | 10 | 10 |
| Beschleunigung | 10 | 9 | 10 |
| Durchzug | 10 | 8 | 10 |
| Motor | Leistungsentfaltung | 10 | 8 | 10 |
| Laufkultur | 10 | 7 | 9 |
| Kraftuebertragung | Schaltbarkeit | 5 | 2 | 4 |
| Getriebeabstufung | 5 | 5 | 5 |
| Lastwechselverhalten | 10 | 9 | 9 |
| Summe | 70 | 58 | 67 |
| Fahrwerk |
| Fahrverhalten | Geradeauslaufstabilitaet | 10 | 10 | 6 |
| Stabilitaet in Kurven | 10 | 9 | 6 |
| Zielgenauigkeit | 10 | 8 | 9 |
| Eigenlenkverhalten | 5 | 5 | 5 |
| Handlichkeit | 5 | 5 | 5 |
| Fahrwerkabstimmung Strasse | 10 | 9 | 8 |
| Fahrwerkabstimmung Sozius | 10 | 8 | 8 |
| Schraeglagenfreiheit | 10 | 7 | 6 |
| Aufstellneigung beim Bremsen | 5 | 3 | 4 |
| Fahrkomfort | Sitzkomfort Fahrer | 10 | 6 | 8 |
| Sitzkomfort Sozius | 10 | 3 | 9 |
| Bremsen | Bremswirkung | 10 | 10 | 10 |
| Dosierung | 10 | 8 | 10 |
| Fading | 10 | 10 | 10 |
| Summe | 130 | 93 | 106 |
| Alltagstauglichkeit |
| Wind- und Wetterschutz | 10 | 4 | 8 |
| Wartungsfreundlichkeit | 10 | 6 | 8 |
| Bedienungsfreundlichkeit | 10 | 9 | 9 |
| Theoretische Reichweite | 10 | 8 | 10 |
| Licht | 10 | 10 | 8 |
| Zuladung | 10 | 3 | 2 |
| Kaltstartverhalten | 5 | 5 | 5 |
| Inspectionsintervalle | 10 | 3 | 3 |
| Summe | 75 | 48 | 53 |
| Wirtschaftlichkeit |
| Anschaffungspreis | 10 | 7 | 8 |
| Garantie | 10 | 4 | 4 |
| Inspektionskosten | 10 | 5 | 6 |
| Verbrauch | 10 | 7 | 8 |
| Verschleissteile/Sturzteile | 10 | 8 | 8 |
| Serienausstattung | 10 | 6 | 8 |
| Summe | 60 | 37 | 42 |
Kawasaki ZX-9R
Mit ihren gemessenen 146 PS muss sich die ZX-9R vor niemandem verstecken.
Allerdings gewinnt das sportliche, von den ZXR-Modellen abstammende Triebwerk
erst im oberen Bereich so richtig an Biss. Unterhalb 7000/min kann die enorme
Leistungssteigerung bei der entdrosselten Version dem ZX-9-Motor ueber seine
Schwaechen leider nicht hinweghelfen. Trotz der Gummilagerungen nervt die
ZX-9R hier mit Vibrationen. Das stabile Fahrwerk wird mit der Mehrleistung
locker fertig.
Kawasaki ZZ-R 1100
Bis auf die Leistung und die Hoechstgeschwindigkeit hat die ZZ-R nichts mit
der ZX-9 gemeinsam. Der Tourensportler legt mehr Wert auf Komfort als auf
schnelle Rundenzeiten auf der Rennstrecke. Der 1100er Motor ist im unteren
und mittleren Bereich eine Offenbarung und das beste Beispiel, wie leicht und
selbstverstaendlich sich auch ein vermeintliches Monster beherrschen lasst.
Nur mit dem Geradeauslauf bei schneller Autobahnraserei, da hapert es noch
ein wenig.
Gerhard Lindner
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